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Ayurveda im Sommer

Der Ayurveda ist ein ganzheitliches Medizinsystem aus Indien, das aus vielen Erfahrungs- und Beobachtungswerten resultiert. Er ist eine tiefgreifende und umfassende Lehre, die traditionell über Jahrtausende in Indien gelehrt wurde und wird. Auch heute kann das Verständnis über die Qualitäten und Eigenschaften der verschiedenen Jahreszeiten und die Kenntnis über unsere eigene Körperkonstitution helfen, in Balance zu kommen oder zu bleiben und uns insgesamt besser zu fühlen.

 

Falls Ayurveda für euch völlig oder relativ neu ist, mögen die vielen Ernährungsvorschläge und Verhaltensweisen eher umständlich als hilfreich erscheinen. So ging es mir anfangs auch. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, euch einige einfache Tipps für die heiße Jahreszeit vorzustellen, die das Leben einfacher statt komplizierter machen. Das Ziel von Ayurveda ist, gar nicht erst aus dem Tritt zu kommen und krank zu werden. Es gilt „wie außen, so innen“ und so hat beispielsweise die Temperatur und das vorherrschende Klima einen großen Einfluss auf unseren individuellen Stoffwechsel.

 

Der Sommer stellt im Ayurveda die Bioenergie Pitta dar. Diese lässt sich mit den Eigenschaften heiß, leicht und scharf beschreiben. Wir denken sofort an die Sommermonate Juni, Juli und August, richtig? Die saisonale Routine und deren Empfehlungen werden Ritucharya genannt. Klingt exotisch, gemeint ist jedoch, dass wir uns mit ein paar Kniffen jederzeit an die äußeren Begebenheiten wie Temperatur, Tageszeit, Klima und Umwelt anpassen können, um im Gleichgewicht zu bleiben.

 

Generell sind im Sommer alle Menschen gleichermaßen mit Pitta, also Trockenheit und Hitze, konfrontiert. Jedoch reagiert jeder anders darauf. Manche Menschen leiden besonders unter großer Wärme und Sonne, wenn sie ein unausgeglichenes, oder von Natur aus besonders starkes Pitta besitzen. Du erkennst ein überschießendes Pitta bei dir selbst an sehr starkem und sehr schnellem Schwitzen, auch dass der Schweiß sehr intensiv, bis scharf riecht. Rötungen und Entzündungen der Haut und des Körpers lassen sich ebenso dazu beobachten, genauso wie ein hitziges Temperament. Ein schnelles aus der Haut fahren, wenig Geduld oder unwirsches Verhalten, das sich auch noch bei Wärme und Hitze verstärkt, lassen auf einen Pitta-Überschuss schließen. Erkennst du dich hierin wieder, kannst du besonders von einer Pitta-regulierenden Lebensweise in der warmen Jahreszeit profitieren.

 

Tagesroutinen im Sommer

Ich selbst schreibe im Moment am späten Abend an diesem Artikel. Im Winter kann ich nach 22 Uhr meist nicht mehr die Augen offenhalten, was in der dunklen und kalten Jahreszeit nur sinnvoll ist, da wir im Winter viel mehr Schlaf brauchen. Heute allerdings war ein warmer Julitag, der mich mit Energie und Licht versorgt hat und es mir durchaus erlaubt, auch abends produktiv zu sein. Begonnen habe ich den Tag in den frühen Morgenstunden, die sich generell im Sommer zum Arbeiten und Erschaffen nutzen lassen, wenn der Tag noch kühl und frisch ist. Generell steht uns im Sommer mehr Energie zur Verfügung und wir benötigen etwas weniger Schlaf. In warmen Ländern beobachten wir zur Mittagsstunde geschlossene Geschäfte und Einheimische, die sich zur Siesta zurückziehen. Daran können wir uns auch hier ein Bespiel nehmen.

 

Zusammengefasst:

Abend- und frühe Morgenstunden zum Arbeiten nutzen

Energie des Sommers nutzen, um produktiv voran zu kommen, ins Schaffen kommen

Mittags gerne eine Siesta einlegen, wenn es richtig warm ist

 

Alltagstipps – leicht umzusetzen

Auch für den Alltag lassen sich viele einfache Dinge integrieren, die unser Pitta dämpfen und unseren Körper und unser Gemüt besänftigen. Mein liebstes Beispiel sind die warmen bis lauwarmen Getränke, die der Ayurveda generell empfiehlt. Im Sommer reicht es oft, wenn die Getränke über den Tag verteilt in Zimmertemperatur getrunken werden. Vom Griff zum eisgekühlten Getränk wird abgeraten. Viele von uns kennen vielleicht aus Reisen in arabische Länder warmen Tee als traditionelles Getränk. Ich kenne den Thé à la Menthe vor allem aus Marokko, wo auch noch ein ordentliches Stück Zucker mit seiner süßen Eigenschaft Hitze, und somit Pitta, mindert. Dasselbe gilt übrigens für den süßen, indischen Chai. Alte Traditionen kommen nicht von ungefähr und ich bin überzeugt, dass die meisten Marokkaner und Inder intuitiv wissen, was sie tun.

 

Ebenso lässt sich das zimmertemperierte Wasser mit Zutaten anreichern, die kühlende Eigenschaften besitzen. Hier denke ich besonders an Minze, Gurke und Kokoswasser. Sogar ein Bier ist laut Ayurveda im Sommer erlaubt – weil es einen kühlenden Charakter besitzt. Der saure Geschmack von Wein hingegen kann Pitta erhöhen. Mein persönlicher Favorit ist übrigens im Moment das alkoholfreie Radler von Lammsbräu.

Eine weitere Routine im Alltag kann die Pflege der Haut nach dem Duschen mit Kokosöl und anderen Ölen sein, die man selbst mit hochwertigen ätherischen Ölen anreichert. So wird der Körper durch die kühlenden Eigenschaften der Kokosnuss und der Citrus-Öle sogar von außen ausbalanciert.

 

Zusammengefasst:

Getränke: Wasser in Umgebungstemperatur mit Zutaten kühlender Qualität wie Gurke, Minze und auch ein Bier (gerne alkoholfrei) ist empfehlenswert

Warme Getränke und lauwarmer Tee: z.B. Minztee

 

Merke: Der Geschmack „süß“ wirkt kühlend. Deshalb werden in warmen Ländern süße Tees wie Thé à la Menthe oder Chai getrunken.

Hautpflege: Kühlung von außen – über die Haut: Kokosöl nach dem Duschen und andere Körperöle (z. B. Mandelöl), angereichert mit ätherischen Citrus-Ölen (z. B. von Primavera)

 

Tipps für die sommerliche Yogapraxis

Wie schon das produktive Arbeiten, kann auch die Yogapraxis in die frühen Morgen- oder späteren Abendstunden verlegt werden. Oft sind die geliebten Yogaklassen am späten Nachmittag kontraproduktiv, wenn der/die YogalehrerIn nicht bedenkt, dass es zu dieser Tageszeit gilt, nicht zusätzlich Hitze durch die Asana-Praxis zu erzeugen. Der Sommer bietet sich dafür an, die späte Yogastunde um 20 Uhr zu besuchen. Man braucht in dieser Jahreszeit nicht zu befürchten, zu wach vom Yogastudio nach Hause zu kommen (oder, als zu Hause übender YOGAMOUR Yogi von der Yogamatte auf den Balkon oder das Sofa ;)) und später keinen Schlaf zu finden. Im Sommer ist es völlig in Ordnung länger wach zu bleiben, da wir, wie gesagt, allgemein etwas weniger Schlaf benötigen.

 

Ganz allgemein würde ich immer von einer Mittags-Yogastunde abraten, es sei denn, es ist eine besonders kühlende Praxis wie Yin Yoga. Der Ayurveda empfiehlt jegliche erhitzende, körperliche Aktivität weitestgehend herunterzufahren. Dennoch bietet die Wärme auch Vorteile, denn wir können oft sehr viel aufgewärmter und somit geschmeidiger in bestimmte Yogahaltungen gehen, die sich manchmal mit kaltem, steifem Körper zu anspruchsvoll anfühlen. In meinen Augen lädt der Sommer zum Ausprobieren und Spielen ein, wie ich es übrigens auch schon im YOGAMOUR Sommer Retreat 7 Days Of Summer beschrieben habe.

 

Auch Pranayama kann zum Cool-Down eingesetzt werden. Eine besonders schöne und einfache Atemübung zur Abkühlung ist Sitali. Man rollt die Zunge und atmet über den Mund und die Zunge ein und durch die Nase wieder aus. Wer die Zunge nicht rollen kann, atmet über den Mund ein und bildet zwischen Zunge und Gaumen eine Art „Kühlungs-Tunnel“ – das funktioniert genauso.

 

Zusammengefasst:

Yoga im Sommer: am Morgen oder später abends

Kühlende Atemtechnik: Pranayama Sitali

Mittags: statt erhitzender Aktivität – Siesta halten

 

Konkrete Ernährungstipps

Was uns täglich umgibt und einen enormen Einfluss auf unseren Körper und unser Wohlbefinden hat, ist unsere Ernährung. Nicht nur Getränke, auch Speisen besitzen gewisse Eigenschaften, die unsere Konstitution entsprechend der vorherrschenden Jahreszeit beeinflussen. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass Sommertag nicht gleich Sommertag ist. Ein Tag im August kann überraschend kalt sein oder das Wetter schlägt in der Mitte des Tages komplett um. Die Kunst ist, nun zu erkennen, welche Einflüsse mich umgeben und beeinflussen und wie ich darauf reagieren kann. Pauschal zu sagen, Rohkost ist im Sommer grundsätzlich zu empfehlen, gilt natürlich nicht, wenn gerade ein kalter Sommertag ist. Entscheidend ist hier die eigene Intuition und das Verlangen nach gewissen Speisen und deren Zubereitungsform sowie -temperatur.

 

Insgesamt lässt sich für den Sommer sagen, dass kühlende und milde Lebensmittel zu wählen sind. Kennst du ein starkes Pitta von dir, so sind saisonale Früchte zu empfehlen, jedoch keine Zitrusfrüchte. Eine Ausnahme ist die Limette. Sie kühlt Pitta und kann besonders mittags zum Ausgleich über das Essen gegeben werden. Mittags ist jetzt ein Salat eine gute Idee, denn das Verdauungsfeuer läuft um diese Zeit auf Hochtouren. Beim Dressing sollte man jedoch besser auf Essig verzichten und stattdessen auf Limette zurückgreifen, denn sauer verstärkt Pitta. Früchte, die im Sommer kühlend wirken, sind unter anderem Melonen und Äpfel, sowie Birnen.

 

Persönlich liebe ich Gurken und Zucchini in den heißen Monaten – hier findet sich auch die Empfehlung des Ayurveda, sich saisonal zu ernähren, denn genau diese Gemüsearten wachsen jetzt reichlich. Fast Food und besonders fettreiche Speisen sind im Sommer besser zu meiden. Die Pommes im Freibad oder das würzige Grillfleisch gießen im wahrsten Sinne des Wortes „Öl ins Feuer“. Das Pitta-Dosha wird durch ölige und scharfe Speisen verstärkt, deshalb empfiehlt es sich, besonnen zuzugreifen. Keineswegs möchte ich hier Verbote aussprechen und ich schätze den modernen Ayurveda besonders wegen seiner undogmatischen Sichtweise. Wer von euch unter genannten klassischen Pitta-Symptomen leidet, kann vielleicht vom einen oder anderen Vorschlag profitieren.

 

Zusammengefasst:

Scharfe und sehr würzige Speisen meiden; Chillies, Cayenne-Pfeffer, stark gewürzte Grillwaren

Saure Speisen reduzieren: Essig, saure Früchte

Salziges und Öliges: Pommes, Chips (Öl ins Feuer), Grillfleisch

Auf sauren Essig im Salat verzichten, stattdessen auf Limone zurückgreifen

Saisonales Gemüse bevorzugen (z.B. Zucchini, Gurke)

Im Sommer kühlende Früchte: Apfel, Birne, Melone

 

Rezepte

Im Sommer gilt es, leicht, flüssig, kühlend und süß zu essen. Jetzt ist für mich die einzige Zeit des Jahres, um Smoothies zu empfehlen, wobei ich auch hier nicht auf Eiswürfel und ausschließlich tiefgefrorene Zutaten zurückgreifen würde (ein paar gefrorene Beeren sind okay). Ein warmes Porridge mag man an einem heißen Julitag wahrscheinlich auch nicht so gern, deshalb ist mein Tipp: Overnight Oats, über Nacht eingeweichte Haferflocken. Das geht super schnell und kann jeden Tag anders ergänzt werden, mit Früchten, Nüssen und allem, was der sommerliche Garten oder Bio-Markt jetzt hergibt. Auch Pancakes liebe ich zu jeder Jahreszeit und ein Grundrezept lässt sich für jedes Klima anpassen.

 

Overnight Oats:

1 Tasse Haferflocken mit Wasser und 1 TL Chiasamen über Nacht einweichen, morgens erneut heißes Wasser dazu. Servieren mit (nicht zu sauren) Beeren oder mit Birnen oder Äpfeln (können leicht in Ghee angedünstet werden).

 

Pancakes:

50g Reismehl oder Braunhirsemehl und 50g Dinkelmehl mischen, 1TL Chiasamen in wenig Hafermilch quellen lassen, 100 ml Hafermilch, 1 EL Backpulver, 1 Prise Steinsalz, je ¼ TL Zimt und Kardamom kräftig verrühren und mit Kokosöl in einer Pfanne Pancakes backen. Toppings deiner Wahl. Z. B. Birne oder Äpfel in Kokosöl gedünstet, Nüsse, Nussmus oder etwas Ahornsirup.

 

Smoothie:

200ml Mandelmilch (oder andere pflanzliche Milch), 1 EL Haferflocken, 1 Prise Vanille, Kardamom und Zimt (wenig – Zimt wärmt), ½ Birne, 1 TL Kokosöl, optional 1 TL Nussmus deiner Wahl – im Hochleistungsmixer oder mit dem Pürierstab fein mixen und genießen.

 

Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausprobieren und Entdecken!

Eure Colette

 

Dieser Beitrag "Aktiver Parasympathikus – entspannter Mensch" erschien zuerst auf YOGAMOUR plus

 

Disclaimer: Dieser Artikel ersetzt keine Beratung und Untersuchung bei einem Heilpraktiker oder Arzt und ist für gesunde Leser konzipiert, die ayurvedische Tipps eigenverantwortlich für sich nutzen möchten. Bitte wendet euch bei chronischen Beschwerden an den Ansprechpartner eures Vertrauens (z. B. mich).

 

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photo by raphael biscaldi
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